Autor: Dirk Harmel

Deutscher Name:

Knollenblätterpilzartige

Weitere deutsche Namen: Wulstlingsartige
Wissenschaftlicher Name:

Amanitaceae R. Heim: Pouzar 1983

Typustaxon: Wulstlinge (Amanita)
Knollenblätterpilzartige
© Dirk Harmel
Typusart Amanita muscaria
Systematik
Reich Fungi (Pilze)
Abteilung Basidiomycota (Basidienpilze)
Unterabteilung Agaricomycotina (Ständerpilze)
Klasse Agaricomycetes (Agaricomycetes)
Unterklasse Agaricomycetidae (Hutpilze)
Ordnung Agaricales (Blätterpilze)
Familie Amanitaceae (Knollenblätterpilzartige)

Allgemeine Beschreibung:

 
Systematik

   Die Amanitaceae (Knollenblätterpilzartigeartige oder Wulstlingsartige) bilden laut Mycobank eine Familie in der Ordnung der Agaricales (Blät­terpilze), u.a. mit den Gat­tung­en Limacella (Schleimschirmlinge), Amanita (Wulst­lin­ge bzw. Knollenblätterpilze) sowie Torrendia (Scheidenstäublinge). Das Index Fun­go­rum betrachtet den Namen als aktuell.


Makroskopische Merkmale

   Die in ihr enthaltenen Arten bilden Mykorrhiza mit Laub- und Nadelbäumen sowie Büschen oder leben saprophytisch auf dem Boden. Sie bilden keine Anamorphen (asexuelle Stadien) aus.1
   Es gibt in dieser Familie kleine Arten mit einem Hutdurchmesser von nur 20 mm und große mit einem bis zu 200 mm   durchmessenden Hut (nach Bon sogar bis 250 mm), solche mit und ohne Ring sowie mit oder ohne Velum universale, mit ausgebreitetem, konvexem oder halbkugeligem Hut, der trocken, schmierig oder klebrig sein kann und mit oder ohne Hüllreste(n) auftritt. Ihr Geruch ist unbedeutend oder süßlich, sie kommen in weißen, grauen, gelben, orangen, roten, braunen und olivgrünen Farben vor. Die Stiele sind "normal ausgebildet und fleischig".2
   Zur Fleischigkeit des Stiels muss jedoch einschränkend gesagt werden, dass die Arten der Untergattung Amanitopsis aus der Gattung Amanita einen hohlen Stiel haben3.
   Mit Amanita ceciliae existiert eine Art, deren Hut auch kegelig sein kann.
   Der Stiel ist faserig-brüchig und leicht vom Hut zu trennen, an dem er mittig angewachsen ist, seine Basis ist meist knollig4. Hier ist Bon allerdings etwas unpräzise, denn im gleichen Buch zählt er insbesondere bei der Untergattung Amanitopsis eine Reihe von Arten mit gerader Basis auf.5
   Die Familie der Knollenblätterpilzartigen ist damit so heterogen, dass es außer dem leicht vom Stiel zu lösenden Hut (dies ist jedoch auch bei den Agaricaceae der Fall) keine makroskopischen Merkmale gibt, die bei allen Arten vorhanden sind und diese von den Arten anderer Familien innerhalb der Blätterpilze unterscheiden. Zwar wird in den meisten Werken angegeben, dass weißes Sporenpulver und frei stehende Lamellen gemeinsame Merkmale seien. Hahn & Lohmeyer widersprechen dem jedoch. Sie zeigen, dass es in Europa zwei Arten aus der Gattung Amanita mit andersfarbigem Sporenpulver gibt (dort Amanita beillei, hier: Amanita boudieri var. beillei sowie Amanita solitaria) und die Lamellen bei den   meisten Arten dieser Gattung eher selten völlig frei stehen, oft ausgebuchtet oder gerade angewachsen sind. Sie vermuten, dass der Irrtum in der Literatur auf Ricken (1915) zurück gehe, dem angesichts seines enormen Einflusses wohl die meisten nachfolgenden Autoren gefolgt seien. Dabei seien diese Merkmale bei Ricken in den Gattungsbeschreibungen ohne Einschränkungen aufgeführt, in den Artbeschreibungen weiche er jedoch davon ab und nenne z.B. die Lamellen von Amanita rubescens als "verschmälert den Stiel erreichend, oder strichförmig herablaufend". Die Autoren zeigen jedoch auch, dass es durchaus einige Hinweise auf nicht immer freie Lamellen gibt (Fries 1874, Kriegelsteiner 2003, Gröger 2006). In dem Artikel sind von Hahn aufgenommene Photos einer Amanita excelsa, bei der die Lamellen breit angewachsen sind mit herablaufendem Zahn.6
   Moser führt zur Familie Amanitacea weißes und grünes Sporenpulver an sowie freien oder fast freien Lamellenansatz.7
   Auch nach meinen eigenen Beobachtungen sind die Lamellen nicht stets frei stehend, auf der Seite von Amanita strobiliformis sind Photos von bauchigen, angewachsenen Lamellen zu sehen. In der Beschreibung dieser Art bei Bon sind die Lamellen ebenfalls als "bauchig" aufgeführt8, wobei in der Zeichnung der Legende zu diesem Merkmal die Lamellen deutlich am Stiel angewachsen sind9, im Schlüssel führt jedoch interessanterweise auch er die Amaniten ausnahmslos mit freien Lamellen10.
   Oft ist in manchen Bestimmungsbücher über eine bestimmte Art der Gattung Amanita zu lesen, diese hätte einen "keuligen Stiel". Gemeint ist jedoch offensichtlich, dass nur die Basis keulig oder knollig verdickt ist, wie es bei anderen Autoren zu der gleichen Art steht. Auf diesen Seiten wird dem Stiel nur dann das Merkmal "keulig" zugewiesen, wenn er am oberen Ende schmal ist und sich von dort an verbreitert, was bei den Amaniten auch vorkommt. Der Form der Basis ist hier ein eigenes Merkmal zugewiesen, wobei diese logischerweise verjüngt ist, wenn der gesamte Stiel spindelig ist, jedoch nicht zwangsläufig auch umgekehrt.
   Zum Vorhandensein von Zwischenlamellen wurde keine Angabe in der Literatur gefunden. Nach eigenen Beobachtungen kommen diese bei allen von mir untersuchten Arten der Gattung Amanita vor. Da aber natürlich nicht alle Arten von mir gefunden wurden, muss dies unter Vorbehalt bleiben. Die Arten der Gattung Torrendia haben mangels Lamellen logischerweise auch keine Zwischenlamellen.
   Auch die Merkmale "Fruchtkörperrekonstitution bei Wiederbefeuchtung", "Autolyse", "Milch", "Exsudation" und "Soziabilität" beruhen auf eigenen Beobachtungen und müssen streng genommen unter Vorbehalt bleiben.

   Zu folgenden Merkmalen wurden in der Literatur über diese Familie keine direkten Angaben gefunden. Deren Ausprägungen ergeben sich jedoch aus in ihr vorhandenen Taxa wie folgend:

• Hut gebuckelt: ungebuckelt: A. phalloides;   stumpf gebuckelt: A. ceciliae

•Stielform: zylindrisch: A. muscaria; keulig: A. nehuta; spindelig: A. vittadinii      

•Stielbasis: gerade: A. battarrae; verjüngt: A. vittadinii; verdickt: A. phalloides

•Velum am Hut: fehlend: A. phalloides; häutige Velumreste: A. phalloides; grobschollige Velumreste: A. citrina; grob bewarzt: A. muscaria

•Ring / Manschette / Cortina: fehlend: Amanitopsis; hängend angewachsen: A. phalloides; flockige Ringzone: A. strobiliformis

•Velum an der Basis:   rudimentär oder fehlend: A. rubescens; warzig gegürtelt: A. muscaria; sackartig bescheidet: A. phalloides; wulstförmig gerandet: A. pantherina

•Ringriefung: vorhanden: Amanita rubescens; nicht vorhanden: A. pantherina

•Geruch: unbedeutend pilzartig: A. strobiliformis; zunächst unauffällig, später unangenehm süßlich, nach Rosen: A. phalloides; Kartoffelkeller: A. citrina

•Verfärbung(en) bei Verletzung: fehlend: A. phalloides; rötend: Amanita rubescens

•Habitat: Mischwald, Laubwald, Nadelwald: A. phalloides

•Bodenqualität: sauer: A. citrina; Kalk A. strobiliformis


Mikroskopische Merkmale

   Die zweikernigen Sporen sind kugelig bis ellipsoid, hyalin, dünnwandig und glatt, amyloid oder inamyolid, nicht cyanophil und haben keinen Keimporus. Das Hilum (Bruchstelle des Apikulus) entspricht dem nodulosen Typ. Die Basidien weisen keine siderophile Granulation auf. Zystiden sind nicht vorhanden, bei Amanita jedoch zystidenähnliche, ballonförmige Zellen an der Lamellenschneide. Die Lamellentrama ist erst divergent oder regulär, irregulär werdend. Die Huthaut ist kutikulär oder ixokutikulär. Schnallen sind teils vorhanden, teils nicht.10

Weitere Quellenangaben

1 Knudsen, H. & Vesterholt, J. (Hrsg.) (2008): Funga Nordica. Nordsvamp, Kopenhagen, S. 325
2 Knudsen, H. & Vesterholt, J. (Hrsg.) (2008): Funga Nordica. Nordsvamp, Kopenhagen, S. 325
3 Bon, M (2005): Pareys Buch der Pilze. Aktualisierte Ausgabe, Franckh-Kosmos Verlags GmbH & Co. KG, S. 294
4 Bon, M (2005): Pareys Buch der Pilze. Aktualisierte Ausgabe, Franckh-Kosmos Verlags GmbH & Co. KG, S. 21f
5 Bon, M (2005): Pareys Buch der Pilze. Aktualisierte Ausgabe, Franckh-Kosmos Verlags GmbH & Co. KG, S. 294
6 Hahn, C & Lohmeyer, T (2010): MYKOLOGIA BAVARICA, Band 11, April 2010, S. 37Ff
7 Moser, M (1983): Kleine Kryptogamenflora, Die Röhrlinge und Blätterpilze, 5. bearbeitete Auflage, VEB Gustav Fischer Verlag Jena, S. 219
8 Bon, M (2005): Pareys Buch der Pilze. Aktualisierte Ausgabe, Franckh-Kosmos Verlags GmbH & Co. KG, S. 298
9 Bon, M (2005): Pareys Buch der Pilze. Aktualisierte Ausgabe, Franckh-Kosmos Verlags GmbH & Co. KG, S. 16
10 Bon, M (2005): Pareys Buch der Pilze. Aktualisierte Ausgabe, Franckh-Kosmos Verlags GmbH & Co. KG, S. 21f
11 Knudsen, H. & Vesterholt, J. (Hrsg.) (2008): Funga Nordica. Nordsvamp, Kopenhagen, S. 325