Autor: Dirk Harmel

Deutscher Name:

Wulstlinge

Weitere deutsche Namen: Knollenblätterpilze, Streiflinge
Wissenschaftlicher Name:

Amanita Pers 1797

Typusart: Roter Fliegenpilz (Amanita muscaria)
Wulstlinge
© Dirk Harmel
Typusart Amanita muscaria

Allgemeine Beschreibung:

   Amanita (Wulstlinge) ist laut Mycobank die typusbildende Gattung der Familie Ama­ni­taceae (Knollenblätterpilzartige), das Index Fungorum listet den Namen als aktuell (Stand jeweil 08.06.2012). Die Unterteilung in Untergattungen und Sek­tionen ist um­stritten und wird je nach Autor nach makroskopischen, mikroskopischen oder geneti­schen Aspekten vorgenommen. Dies mag dem, der sich neu mit Amaniten befasst, als sehr kompliziert erscheinen, wer sich ihnen nähern will, wird die hier aufgeführten Divisionen zu schätzen wissen.
   Knudsen & Vesterholt   unterteilen die Gat­tung in nur zwei Untergattungen, nämlich Le­pi­del­la und Amanita.1 Bon führt eine wei­te­re Untergattung namens Amanitopsis (Streif­linge oder Scheidenstreiflinge).2 Je­nes Taxon wird von den Erstgenannten als Sek­ti­on der Untergattung Amanita mit dem Namen Vaginatae geführt. Die Funga Nordica ist neueren Datums und richtet sich mehr nach molekularbiologischen Er­kennt­nis­sen, weshalb ihrer Einteilung eher zu folgen wäre, wenn man die tatsächlichen Verwandtschaftsverhältnisse zu Grunde legte. Bon nimmt die Zuordnungen eher nach makroskopischen Merkmalen vor, welche auch bei Untergattungen und Sektionen explizit aufgeführt werden, während in der Funga Nordica zu den Taxa unterhalb der Gattungen wenige Merkmale beschrieben sind. Makroskopisch unterscheiden sich die Streiflinge deutlich von den weiteren Arten der Untergattung Amanita. Auch die hier beschriebene Untergattung lässt sich mit bloßem Auge deutlich von den vorgenannten unterscheiden. Gleichwohl die meisten der hier aufgeführten Merkmale denen der auf Gattungsebene äußerst detaillierten Funga Nordica entsprechen, folgt die Unterteilung Bon, um dem Laien das Erlernen bestimmungsrelevanter Merkmale zunächst auf makroskopischer Ebene zu erleichtern.


Makroskopische Merkmale

   Unter den im Sommer bis Herbst wachsenden Amaniten gibt es eine ganze Reihe essbarer, davon einige vorzüglich schmeckender Arten, jedoch auch nicht wenige giftige, z.T. tödlich giftige. Ihre Fruchtkörper haben immer eine weißliche, gelbliche, oder gräuliche, bei einigen Arten auch schmutzig bräunliche Gesamthülle (Velum universale), die, je nachdem wo sie aufreißt, zu warzigen bzw. scholligen Resten auf dem Hut oder zu einer Volva an der Stielbasis führt.3
   Bei einigen Arten, so z.B. Amanita phalloides, bleiben Teile der Gesamthülle gelegentlich auch als häutige Reste auf dem Hut zurück.
   Bon unterscheidet hierzu vier Typen.4 Danach haben die dem "Typ 1" genannten Typus zugehörigen Arten, wie z.B. Amanita phalloides, durch das am Scheitel aufplatzende Velum meist keine Hüllreste am Hut und eine sackartige, abstehende Volva. Arten des "Typ 2", bei denen das Velum in der Mitte aufreißt, wie z.B. Amanita citrina, tragen flockige Velumreste auf dem Hut und eine "halbe" Volva. Bei "Typ 3", zu denen u.a. Amanita muscaria gehört, platzt das Velum an mehreren Stellen gleichzeitig, was zu mehr oder weniger gleichmäßig verteilten Resten an Hut und Basis führt. Bei den Arten des "Typ 4", z.B. bei Amanita spissa, reißt die Gesamthülle zunächst an der Basis, wodurch sie dort keine oder nur rudimentäre Reste tragen, während deren Hüte oft mit grobscholligen Resten behaftet sind. (Zu beachten ist, dass Arten mit Velumresten am Hut nicht immer sofort als solche zu erkennen sind, da die Flocken oder Schollen vom Regen abgewaschen sein oder aus sonstigen Gründen fehlen können, der Bearbeiter)
   Die Hüte der Amaniten haben einen Durchmesser von 20 bis 200 mm ( Bon hat noch kapitalere Exemplare gesichtet). Sie sind halbkugelig, konisch, oval oder konvex und bald ausgebreitet, dabei gebuckelt oder ungebuckelt. Die Hutoberfläche ist stets glatt mit radial gerieftem oder ungerieftem Rand, schmierig bis fast trocken, nicht hygrophan und tritt in den Farben weiß, gelb, orange, rot, grünlich, oliv, braun,   hornhautumbra bzw. ocker oder grau auf.5
   Bezüglich der Beschaffenheit der Hutoberfläche ist ergänzend zu erwähnen, dass z.B. der Hut des Grünen Knollenblätterpilzes radialfaserig eingewachsen ist, was jedoch an der stets vorhandenen Ausprägung "glatt" der Hutoberfläche nichts ändert, da die radialen Fasern ja eingewachsen sind, also unter der Oberfläche liegen. Genau genommen müsste hier in den nachfolgenden Schlüsselungsmerkmalen in zwei verschiedene Merkmale unterteilt werden, der Übersichtlichkeit halber wurde darauf verzichtet.
   Der zentral angewachsene Stiel ist faserig oder flockig, manchmal genattert und entweder weiß oder in der Farbe des Hutes6, nach Bon faserig-brüchig und leicht vom Hut zu trennen, mit meist knolliger Basis7. Allerdings haben alle Mitglieder der Untergattung   Amanitopsis eine nicht verdickte Stielbasis8. Es gibt Arten mit vollfleischigem Stiel (z.B. Amanita phalloides) und solche mit wattig ausgestopftem, später hohl werdendem Stiel (z.B. Amanita boudieri var. beillei).
   Bezüglich der Fleischigkeit des Stiels wurde keine Regel gefunden, die auf die umfassten Untergattungen anwendbar wäre mit Ausnahme von Amanitopsis, bei der der Stiel stets hohl ist.9 Das bei den Arten dieser Untergattung fehlende Velum partiale bildet oft bei denen der weiteren Untergattungen am Stiel einen häutigen, weißlichen, gerieften oder ungerieften Ring10 (bei einigen Arten oder deren Varietäten, z.B. Amanita porphyria oder Amanita rubescens var. Annulosulphurea auch andersfarbig, der Bearbeiter).
   Die Lamellen sind meist weißlich, seltener fahl grau, ocker oder grünlich. Der Geruch ist meist unbedeutend, manchmal ekelerregend süßlich oder nach rohen Kartoffeln.11
   Bei Amanita citrina sind die Lamellen nach meiner Beobachtung auch gelblich.
   Zu Veränderungen bei Verletzungen wurden keine Angaben gefunden. Aus eigener Erfahrung sind die meisten Arten unveränderlich. Amanita rubescens rötet bei Verletzung.
   In den meisten Pilzbestimmungsbüchern, so auch in der hier ausführlich zitierten Funga Nordica und in Pareys Buch der Pilze, werden den Amaniten ausnahmslos weißes Sporenpulver und frei stehende Lamellen zu- und als bestimmungsrelevant ausgewiesen. Hahn und Lohmeyer haben jedoch gezeigt, dass dies falsch ist.12 Amanita boudieri var. beillei hat je nach Autor gelbes oder rosafarbenes Sporenpulver, bei Amanita solitaria ist es anfangs grünlich und schlägt dann in gelb um. Ausführliche Angaben hierzu stehen auf der Seite der übergeordneten Familie. Auf Grund der Heterogenität der meisten anderen makroskopischen Merkmale bleibt damit zur Abgrenzung gegenüber Arten anderer Gattungen nur der leicht vom Hut zu lösende Stil (dies jedoch auch bei Agaricaceae) und das Velum universale, welches jedoch auch kein Alleinstellungsmerkmal ist, sondern z.B. auch bei Cortinarius vorkommt.
   Zu den Merkmalen "Zwischenlamellen", "Fruchtkörperrekonstitution bei Wiederbefeuchtung", "Autolyse", "Milch", "Exsudation" sowie "Soziabilität" wurden in der Literatur keine Angaben gefunden. Die hier gesetzten Ausprägungen dieser Merkmale beruhen auf eigenen Beobachtungen und müssen unter Vorbehalt bleiben, da nicht alle Arten untersucht wurden.

   Zu folgenden Merkmalen wurden in der Literatur über diese Gattung keine direkten Angaben gefunden. Deren Ausprägungen ergeben sich jedoch aus in ihr vorhandenen Taxa wie folgend:

• Hut gebuckelt: ungebuckelt: A. phalloides;   stumpf gebuckelt: A. ceciliae

•Stielform: zylindrisch: A. muscaria; keulig: A. nehuta; spindelig: A. vittadinii      

•Stielbasis: gerade: A. battarrae; verjüngt: A. vittadinii; verdickt: A. phalloides

•Velum am Hut: fehlend: A. phalloides; häutige Velumreste: A. phalloides; grobschollige Velumreste: A. citrina; grob bewarzt: A. muscaria

•Ring / Manschette / Cortina: fehlend: Amanitopsis; hängend angewachsen: A. phalloides; flockige Ringzone: A. strobiliformis

•Velum an der Basis:   rudimentär oder fehlend: A. rubescens; warzig gegürtelt: A. muscaria; sackartig bescheidet: A. phalloides; wulstförmig gerandet: A. pantherina; flockig gegürtelt: A. solitaria

•Ringriefung: vorhanden: Amanita rubescens; nicht vorhanden: A. pantherina

•Geruch: unbedeutend pilzartig: A. strobiliformis; zunächst unauffällig, später unangenehm süßlich, nach Rosen: A. phalloides; Kartoffelkeller: A. citrina

•Verfärbung(en) bei Verletzung: fehlend: A. phalloides; rötend: Amanita rubescens

•Habitat: Mischwald, Laubwald, Nadelwald: A. phalloides

•Bodenqualität: sauer: A. citrina; Kalk A. strobiliformis



Mikroskopische Merkmale

   Die hyalinen Sporen sind glatt, kugelig bis ellipsoid, amyloid oder inamyloid und sitzen meist zu viert an den Basidien. Echte Cheilozystiden sind nicht vorhanden oder schwach ausgebildet. Hierbei ist jedoch zu beachten, dass an den Lamellenschneiden zystidenähnliche, ballonförmige Zellen zu finden sind. (In den unten aufgeführten Schlüsselmerkmalen sind sie als Cheilozystiden gelistet, um die Bestimmbarkeit zu erleichtern, da sie beim Mikroskopieren einer zunächst unbekannten und sich erst später als Wulstling herausstellenden Art in der Regel als Cheilozystiden angesprochen werden. der Bearbeiter) Die Hutoberfläche ist kutikulär oder ixokutikulär. Manche Arten besitzen Schnallen, andere nicht. Anamorphe (asexuelle Stadien) werden nicht gebildet.13

Weitere Quellenangaben

1Knudsen, H. & Vesterholt, J. (Hrsg.) (2008): Funga Nordica. Nordsvamp, Kopenhagen, S. 326
2Bon, M (2005): Pareys Buch der Pilze. Aktualisierte Ausgabe, Franckh-Kosmos Verlags GmbH & Co. KG, S. 294
3Knudsen, H. & Vesterholt, J. (Hrsg.) (2008): Funga Nordica. Nordsvamp, Kopenhagen, S. 326
4Bon, M (2005): Pareys Buch der Pilze. Aktualisierte Ausgabe, Franckh-Kosmos Verlags GmbH & Co. KG, S. 293
5Knudsen, H. & Vesterholt, J. (Hrsg.) (2008): Funga Nordica. Nordsvamp, Kopenhagen, S. 326
6Knudsen, H. & Vesterholt, J. (Hrsg.) (2008): Funga Nordica. Nordsvamp, Kopenhagen, S. 326
7Bon, M (2005): Pareys Buch der Pilze. Aktualisierte Ausgabe, Franckh-Kosmos Verlags GmbH & Co. KG, S. 21f
8Knudsen, H. & Vesterholt, J. (Hrsg.) (2008): Funga Nordica. Nordsvamp, Kopenhagen, S. 326
9Bon, M (2005): Pareys Buch der Pilze. Aktualisierte Ausgabe, Franckh-Kosmos Verlags GmbH & Co. KG, S. 294
10Knudsen, H. & Vesterholt, J. (Hrsg.) (2008): Funga Nordica. Nordsvamp, Kopenhagen, S. 326
11Knudsen, H. & Vesterholt, J. (Hrsg.) (2008): Funga Nordica. Nordsvamp, Kopenhagen, S. 326
12Hahn, C & Lohmeyer, T (2010): MYKOLOGIA BAVARICA, Band 11, April 2010, S. 37ff
13Knudsen, H. & Vesterholt, J. (Hrsg.) (2008): Funga Nordica. Nordsvamp, Kopenhagen, S. 326