Equestre-Syn­drom

Ver­­ur­­sa­­chen­­des Gif­­t: un­be­kann­tes My­o­ly­sin (eventuell Cycloprop-2-encarbonsäure)

Le­­ta­­le Do­­sis: un­­be­­kannt

La­­tenz­­zeit: ca. 24 h (mög­li­cher­wei­se spä­ter) nach mehr­fa­chem Ver­zehr in­ner­halb von drei Ta­gen

Ers­te Symp­­to­­me: Mü­dig­keit, Mus­kel­schmer­zen (vor al­lem in den Ober­schen­keln), Mus­kel­schwä­che, in schwe­ren Fäl­len brau­ner Urin

Krank­­heits­­ver­­lauf: lang­sa­me Stei­ge­rung der Symp­to­me in­ner­halb von drei bis vier Ta­gen, teil­wei­se mit Atem­be­schwer­den und/oder star­kem Schwit­zen. Zer­set­zung der quer­ge­streif­ten Mus­ku­la­tur (Rhabdomyolyse)  un­ter Frei­set­zung von My­o­glo­bin, des­sen Aus­schei­dung über die Nie­ren den Urin braun färbt. Schwe­re Fäl­le kön­nen töd­lich ver­lau­fen.

The­ra­­pie: unbekannt

 

Das Eques­tre-Syn­drom ist noch weit­ge­hend un­er­forscht.

 

Fol­­gen­­de Ar­­ten ent­­­halten o.a. Gift und ver­­ur­­sa­­chen das Eques­tre-Syn­­drom:

  • Tri­cho­lo­ma eques­tre (Grün­ling)
  • Russula subnigricans (nur in Ostasien vorkommende Täublingsart ohne deutschen Namen)
  • Eventuell Fichtensteinpilz (Boletus edulis). Bisher wurde kein Giftstoff in dem Pilz nachgewiesen, im Tierversuch löst er jedoch das Syndrom aus

 

   In­zwi­schen gibt es, wie in bild der wis­sen­schaft be­rich­tet, neu­e For­schungs­er­geb­nis­se zu ei­nem Aus­lö­ser von Rhab­do­my­o­ly­se, der mög­li­cher­wei­se auch für das Eques­tre-Syn­drom ver­ant­wort­lich ist. Wäh­rend die­ses in Eu­ro­pa re­la­tiv neu be­schrie­ben wür­de, sei­en in Ja­pan be­reits seit den 50er-Jah­ren des letz­ten Jahr­hun­derts Ver­gif­tun­gen mit ähn­li­chen Symp­to­men be­kannt, die "Rus­su­la sub­ni­­gri­cans" zu­ge­schrie­ben wür­den. In die­sem Pilz sei das Gift in so ho­her Kon­zen­tra­ti­on ent­hal­ten, dass be­reits der Ver­zehr von drei Exem­pla­ren töd­lich sein kön­ne.1

   Im Por­tal für Or­ga­ni­sche Che­mie wird be­rich­tet, bei dem Gift han­de­le es sich um ei­ne zy­kli­sche Kar­bon­säu­re (Cy­clo­prop-2-en­car­bon­säu­re), die aus ei­ner "Rus­su­la ni­gri­cans Un­ter­art" iso­liert wor­den sei. Wäh­rend Pro­ben aus dem Raum Mi­y­a­gi kei­ne Gift­wir­kung bei Mäu­sen ge­zeigt hät­ten, sei es in "ähn­lich aus­se­hen­den Pil­zen" aus der Ge­gend von Ky­o­to nach­ge­wie­sen wor­den.2

   Lei­der wird in letz­ter Quel­le nicht ganz klar, um wel­che Pilz­ar­ten ge­nau es sich han­delt und ob es sich bei den Fun­den bei Mi­ya­gi und Ky­o­to um die glei­che Art han­delt oder um ver­schie­de­ne Ar­ten. Bei­de Quel­len be­ru­fen sich auf eine Ver­öf­fent­lich­ung von Ma­sa­no­ri Ma­tsu­u­ra et al. in Na­tu­re Che­mi­cal Bi­o­lo­gy, die oh­ne Re­gis­trie­rung nur Aus­zugs­wei­se zu le­sen ist. Der kom­plet­te Ar­ti­kel kann kos­ten­pflich­tig er­stan­den wer­den.3

   Da Grünlinge früher massenweise verzehrt und sogar als Marktpilze gehandelt wurden, ohne dass Vergiftungsfälle bekannt wurden, kann bei den in letzter Zeit aufgetreten Einzelfällen nicht ausgeschlossen werden, dass es sich um kleinräumige Effekte handelt, die auf Kontamination mit Chemikalien oder Schimmelpilzen zurück zu führen sind. Dagegen spricht jedoch, dass sowohl in Frankreich als auch in Polen Todesfälle nach dem Verzehr von Tricholoma equestre dokumentiert sind. Auch wird vermutet, dass nicht Pilzgifte, sondern Medikamente, möglicherweise auch im Zusammenwirken mit Inhaltsstoffen des Grünlings für das Equestre-Syndrom verantwortlich sind. So schreiben Guthmann, Hahn, Reichel mit Berufung auf "Horn et al. (2005)", dass ein Fall von Rhabdomyolyse bei gleichzeitiger Einnahme des cholesteriesenkenden Medikamentes Simvastatin bekannt geworden ist, wobei die Krankheit auch bei gleichzeitiger Einnahme des ebenfalls cholesterinsenkenden Wirkstoffs Cerivastin und Fibraten hervorgerufen wurde, was bisher zu über 50 Todesfällen geführt hat.4 Leider wird nicht weiter ausgeführt, ob bei den sonstigen Todesfällen nach Grünlingsmahlzeiten ebenfalls gleichzeitig entsprechende Medikamente genommen wurden. In gleicher Quelle wird darauf hingewiesen, dass nach "Nieminen et al. 2005, 2006" die Vergiftungserscheinungen im Tierversuch durch Verabreichung großer Mengen Pilzextraktes reproduziert würden, was gegen individuelle Unverträglichkeiten spräche. Sehr bedenklich ist, dass dies bei diesen Versuchen auch mit Steinpilzen (Boletus edulis) gelang, wobei nach "Chodorowski 2004, Nieminen et al. 2006" gefrorene Grünlinge keine Wirkung zeigten.

   Auch wenn offensichtlich noch Forschungsbedarf besteht, so muss doch vor dem Verzehr von Grünlingen gewarnt werden. Da unklar ist, ob der in Russula subnigricans nachgewiesene Wirkstoff auch in anderen Schwarztäublingen vorhanden ist, sollte auch von deren Verzehr abgesehen werden, was angesichts deren Ungenießbarkeit nicht schwer fallen sollte.

 

1 http://www.wis­sen­schaft.de/wis­sen­schaft/news/303836.html
2 http://www.or­ga­ni­sche-che­mie.ch/che­mie/2009mai/pilz­ver­gif­tung.shtm
3 http://www.na­tu­re.com/nchem­bi­o/jour­nal/v5/n7/full/nchem­bio.179.html
4 Guthmann, J & Hahn, C & Reichel, R. (2011): Taschenlexikon der Pilze Deutschlands. Wiebelsheim, S. 338f