Systematik - Nomenklatur

Allgemeine Anmerkungen

 

Allgemeine Anmerkungen

 

   Wenn man eine Mehrzahl von Sippen in ein bestimmtes System einordnen möchte, dann stellt sich zunächst die Frage, nach welchen Kriterien dies erfolgen soll. Im klassischen System geht man von Arten, die in Gattungen zusammengefasst, von Gattungen, die in Familie zusammengefasst sind und entsprechend höheren Kategorien aus. Hier hat man ein übersichtliches System, in dem die Taxa einer Kategorie quasi „parallel“ nebeneinander stehen.

   Die Natur kennt jedoch keine Kategorien, eine solche Systematik ist also streng genommen falsch. Nach einem natürlichen System der Lebewesen geht man vielmehr auf einer bestimmten Ebene von einer Stammart aus, die sich in nur jeweils zwei direkt von ihr abstammende Arten aufspaltet (genauer gesagt bleibt die alte Art erhalten und es evolviert eine neue). Jede dieser Arten kann sich dann ihrerseits in zwei Arten aufspalten, etc., woraus sich ein entsprechend verzweigter Abstammungsbaum ergibt. Gattungen oder andere Kategorien mit mehreren „parallelen“ Taxa können in diesem System nicht vorkommen.

   Die Abgrenzung der Arten untereinander ist ebenfalls umstritten. Klassischerweise geht man davon aus, dass es sich bei zwei Sippen dann um verschiedene Arten handelt, wenn diese miteinander keine fertilen Nachkommen zeugen können. Dies zu untersuchen ist bei Pilzen jedoch nicht ganz leicht, so dass man in deren Reich bisher hauptsächlich auf Unterschiede in der Morphologie und Anatomie abgestellt hat. Dies musste zwangsläufig zu verschiedenen Meinungen führen, ob es sich bei bestimmten Sippen nun um verschiedene Arten, nur um verschiedene Varietäten oder gar nur um durch äußere Einflüsse verschieden ausgeprägte Erscheinungsformen einer Art handelt. Als Beispiel sei hier der Perlpilz genannt, der mit weißem und gelbem Velum partiale auftritt. Einige Autoren gehen davon aus, dass es sich dabei um zwei von einander verschiedene Arten handelt, nämlich um Amanita rubescens und um Amanita annulosulphorea, andere sehen nur zwei Varietäten ein und der selben Art namens Amanita rubescens var. rubescens und Amanita rubescens var. annulosulphurea. Andere gehen eher davon aus, dass es sich nur um eine einzige Sippe handelt, bei der die Farbe des Ringes davon abhängt, wie viel Feuchtigkeit beim Wachstum eines Fruchtkörpers vorhanden ist.

   Genetische Untersuchungen scheinen hier mehr Klarheit zu bringen. Sicher kann man danach beispielsweise feststellen, ob die einzelnen Fruchtkörper einer Aufsammlung zu einem einzigen Myzel gehören oder von verschiedenen stammen. Sind sie nun in einem Fall genetisch genau gleich und stammen somit von nur einem Myzel ab, so sind morphologische Unterschiede der einzelnen Fruchtkörper klar auf äußere Einflüsse zurück zu führen. Nicht mehr ganz so klar ist die Situation, wenn man Fruchtkörper verschiedener Myzele vorzuliegen hat. Hier kann man verschiedene Ausprägungen eines Merkmals erst dann unterschiedlichen Sippen zuordnen, wenn man genau weiß, welcher Abschnitt des Genoms hierfür verantwortlich ist. Dies ist jedoch bisher kaum untersucht.

   Ein noch radikalerer Ansatz geht davon aus, dass selbst Arten nicht existieren, sondern nur sich jeweils auf eine Stammform zurück führen lassende Sippen, die also mehr oder weniger eng miteinander verwandt sind und sich morphologisch, anatomisch und genetisch mehr oder weniger voneinander unterscheiden.

 

   In der Mykologie und der Biologie allgemein scheint sich abzuzeichnen, dass das klassische System mit all seinen Fehlern und Unzulänglichkeiten beibehalten wird. Man versucht jedoch den wahren Verwandtschaftsverhältnissen der Arten dadurch Rechnung zu tragen, dass man in einer bestimmten Gattung nur noch Arten zulässt, die sich auf eine Stammart innerhalb dieser Gattung zurück führen lassen. Man spricht dann von monophyletischen Gattungen. Die Klärung dieser Verwandtschaftsverhältnisse war bisher jedoch sehr schwierig, meist ging man davon aus, dass Arten dann mehr oder weniger eng miteinander verwandt sind, wenn sie eine Vielzahl von morphologischen oder anatomischen Ähnlichkeiten aufwiesen. Hierbei musste jedoch zwischen homologen und analogen Entwicklungen unterschieden werden. Eine homologe Entwicklung eines Merkmals liegt dann vor, wenn es von einer bestimmten Stammart erstmalig evolviert und an die von ihr abstammenden Arten weitervererbt wurde. Eine analoge Entwicklung bezeichnet die Entwicklung eines bestimmten Merkmals bei einer Art, welches in gleicher Form bei einer anderen Art vorkommt, ohne dass dieses Merkmal bei deren gemeinsamer Stammart bereits vorhanden gewesen ist. Hierbei mussten zwangsläufig Fehler unterlaufen, als Beispiel seien die „Walfische“ genannt, die eben fälschlicherweise zu den Fischen gezählt wurden. Die Unterscheidung zwischen homologen und analogen Entwicklungen ist  nun im Reich der Pilze  oft noch schwieriger zu erkennen.  Hierzu sei als Beispiel das Merkmal der Autolyse genannt. Alle Arten, welches diese Merkmal aufwiesen, wurden lange Zeit als "Tintlinge" (Gattung Coprinus) angesprochen und der Familie der Tintlingsartigen (Coprinaceae) zugeordnet. Genetische Untersuchungen haben nun jedoch gezeigt, dass die Verwandtschaftsverhältnisse dieser Arten oft weniger eng sind als angenommen. Die Familie Coprinaceae wurde aufgelöst, die Gattung Coprinus wurde der Familie Agaricaceae zugeordnet und viele Arten wurden in eine Reihe neu geschaffener Gattungen gestellt, welche ihrerseits  der Familie Psathyrellaceae zugeordnet wurden.

   Die Fortschritte in der Wissenschaft, insbesondere die Möglichkeit, Mikromerkmale zu erkennen, haben nach und nach dazu geführt, die wahren Verwandtschaftsverhältnisse besser zu bestimmen. Dennoch reichen morphologische und anatomische Merkmale allein nicht immer aus, die tatsächlichen Verwandtschaften von Sippen festzulegen. Hierzu scheint erst die Genanalyse in der Lage zu sein. Im Reich der Pilze sind jedoch erst verhältnismäßig wenige Arten sequenziert. Folglicherweise ist es noch immer häufig umstritten, zu welcher Gattung eine bestimmte Art zuzuordnen ist. Da Gattungen aber wie gezeigt keine natürlich existierenden Kategorien sondern vom Menschen geschaffen sind, ist es unüblich, ein bestimmtes Binomen als richtig und ein Synonym dazu als falsch zu bezeichnen. Der lange Zeit gebräuchliche Name Xerocomus badius für die Marone ist also genausowenig richtig oder falsch wie das nun häufiger verwendete Binomen Boletus badius, vielmehr ist es eine Frage der mehr der weniger aktuellen Betrachtungsweise.

Erläuterungen zum hier verwendeten System

 

Erläuterungen zum hier verwendeten System

 

   Die Nomenklatur, also die Benennung der Arten und höheren Taxa sowie die Systematik, nach der sie angeordnet sind, folgen auf diesen Seiten dem klassischen System, nach dem die Arten ein wissenschaftliches Binomen tragen, das sich aus dem vorangestellten Gattungsnamen und dem artspezifischen Zusatz (Epitheton) zusammen setzt. Gattungen werden zu Familien zusammen gefasst, Familien zu Ordnungen, etc. Dies dient vor allem einer gewissen Übersichtlichkeit, damit soll jedoch kein Standpunkt bezogen werden zu der Frage, welchen Sinn die Zusammenfassung einzelner Arten zu Gattungen bzw. höherangiger Kategorien zu noch höher angesiedelten Kategorien macht.

 

Taxonomischer Status

   Es gibt auf diesen Seiten keine übergeordnete Instanz, welche festlegt, zu welchem höheren Taxon ein bestimmtes Taxon zuzuordnen ist. Es bleibt allein dem Bearbeiter eines Artikels überlassen, hierzu eine Entscheidung zu treffen, damit einen bestimmten Namen einer Art oder einer höherrangigen Kategorie als aktuell und deren Synonyme als nicht aktuell zu bezeichnen. Sofern die Artikel, welche die Synonyme einer Art behandeln, von verschiedenen Bearbeitern erstellt wurden, kann es daher sein, dass mehrere Namen einer Art als aktuell bzw. bevorzugt bezeichnet werden.

   Der Status eines Taxons wird hier unter nomenklatorischen und morphologischen bzw. anatomischen Aspekten betrachtet und bewertet. Der erste Gesichtspunkt bezieht sich auf den Namen eines Taxons. Damit ein Taxon Gültigkeit besitzt, muss hierzu den Regeln des Cambridge Code folgend eine Publikation in allgemein zugänglicher, anerkannter Fachliteratur erfolgt und, sofern es sich um eine Art oder ein Taxon niedrigerer Rangstufe handelt, ein Exsikkat in einem öffentlich zugänglichen Herbarium hinterlegt sein. Es wird derzeit noch geprüft, ob den neuen Regeln nach dem Melbourne Code gefolgt werden kann. Es würde jedoch den hiesigen Rahmen sprengen, das Vorliegen dieser Anforderungen bezüglich der Ur-Quelle zu prüfen. Es wird daher davon ausgegangen, dass diese erfüllt sind, wenn eine Beschreibung des Taxons aus anerkannter Fachliteratur zitiert wird und der Name im Index Fungorum oder der Mycobank gelistet ist und dort nicht als ungültig bezeichnet wird. Die morphologische/anatomische Betrachtung untersucht, ob sich ein Taxon durch seine Merkmale eindeutig von einem anderen unterscheidet, dies bezieht sich vor allem auf Varietäten bzw. Formen einer Art. Den in der Datenbank enthaltenen Taxa ist ein taxonomischer Status entsprechend den drei nachfolgenden Einordnungen zugewiesen, die durch die Schriftfarbe zum Ausdruck gebracht wird.

 

  • Taxonomischer Status bevorzugt („aktuell“)

    Das Taxon muss wie o.a. regelkonform publiziert sein.
    • Existieren für ein Sippe mehrere Namen, so wird der grün markierte in dem entsprechenden Artikel von dessen Bearbeiter als aktuell angesehen und vor anderen Namen bevorzugt
    • Beschreibt der Artikel eine Subspezies, Variante oder Form, so erkennt und benennt
      der Autor klare Unterschiede in der Morphologie zum Typus.


  • Morphologischer Status unklar oder anderer Name bevorzugt

    Auch hier muss das Taxon regelkonform publiziert sein. Bei der Einordnung in diese

    Kategorie möchte der Bearbeiter
    • entweder einen anderen Namen als den im jeweilige Artikel aufgeführten bevorzugen
    • oder, sofern es sich um eine Varietät bzw. Form einer Art oder um eine Untergattung,
      Sektion, Subspezies, etc. handelt, zum Ausdruck bringen, dass er morphologisch
      keine klare Abgrenzung zur Leitvarietät bzw. zum nächsthöheren Taxon sieht.


  • Ungültiger Name

    Bei Einordnung in diese Kategorie ist das Taxon entweder nicht regelkonform publiziert
    oder der Name wurde vom Internationalen Botanischen Kongress (IBC) als ungültig
    eingestuft.